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VIEWspotlight Mai 2011

Strahlende Orte

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Pripjat ist schon lange keine tote Stadt mehr. Die ausgeplünderten Häuser und verlassenen Fahrzeuge sind längst von der Tier- und Pflanzenwelt zurückerobert worden. Auch Touristen tummeln sich hier regelmäßig. Vielleicht sind sie sich der Gefahr nicht bewusst, der sie sich aussetzen, oder sie verdrängen ihr Wissen um die Strahlung kurzerhand. Denn verstrahlt ist Pripjat, die dem Unglücksreaktor von Tschernobyl am nächsten gelegene Stadt, noch immer. Nach Meinung nicht weniger Wissenschaftler müssten an die 100.000 Jahre vergehen, bevor Menschen sich hier wieder ansiedeln könnten. Die Katastrophe von Tschernobyl ereignete sich am 26. April 1986. Viele Menschen sterben, Tausende leiden an den Spätfolgen. Und immer noch leben Millionen in nuklear verseuchtem Gebiet. Pripjat ist am stärksten von den Ereignissen betroffen. Bis heute haben die Überlebenden mit Traumatisierungen und den Folgen der Umsiedlungspolitik zu kämpfen. Auf Initiative von Vitali Shkliarou und Sergey Abramchuk, die das Unglück als Kinder miterlebten, entsteht hier im Oktober 2005 ein Projekt besonderer Art. Sieben Künstler aus Moskau, Minsk und Berlin reisen für zwei Tage in die lebensfeindliche Sperrzone, um in Pripjat ein Mahnmal entstehen zu lassen, ihre ganz eigenen Zeichen der Erinnerung und der Hoffnung. Ausgangspunkt ihrer Arbeit sind die ehemaligen Grundfesten der Stadt. Konstatin Danilov, Denis Averyanov, Ivan Malakhov, Kim Köster und Tobias Starke malen ihre Bilder direkt auf die Hauswände und die Mauern der Fabrikanlagen. Im Vordergrund steht dabei der Versuch, den Ort, der trotz seiner realen Gefahren so seltsam verfremdet wirkt, in sich aufzunehmen und zu spiegeln. Es sind Bilder einer anscheinend ewig währenden Erstarrung - still, leise und beklemmend. Eine Stadt nach einem Erdbeben sieht verwüsteter aus als die von außen wohnlich wirkenden Ruinen Pripjats, in denen der Zerfall in Zeitlupe stattfindet. Das Bezwingende dieser Kunst liegt in der unnachahmlichen Genauigkeit und Tiefgründigkeit, mit der sie ihren Motiven nachspürt, in ihrer nicht auf Pathos beharrenden Ästhetik.

Der havarierte Reaktorblock IV in seinem Betonsarkophag; ein Baukran; Bauhütten, von denen der Regen die Farbe gewaschen hat - industrielle Tristesse, proletarische Relikte. Wild wucherndes Grün, das durch den Beton bricht; menschenleere Häuser, menschenleere Straßen - alles wirkt wie in einem teuflischen Dornröschenschlaf, der schon zu lange dauert, obwohl er nicht einmal richtig begonnen hat. Zeitgenössische Ikonen aus der Hand junger Künstler, die dem verstrahlten Ort ihre ganz eigene Nachdenklichkeit und Lebendigkeit entgegensetzen. Sie fangen Schweigen ein, verdeutlichen Schmerz, signalisieren aber auch Hoffnung. Festgehalten und transportiert werden die Werke durch Fotografien von Sergey Abramchuk und Filme von Niels Grugel. Sie zeigen die Malereien in ihrem Kontext. Man sieht die verfallenen Häuserblöcke, die verwaisten Treppenaufgänge und nutzlosen Klingelschilder, dicht aneinander gerückte Krankenbetten und Matratzen, im Kindergarten zurückgelassene Puppen und Kindergasmasken. Über allem ein Belag aus Schimmel und Moder. Andere Aufnahmen lassen den Betrachter die Perspektive der ehemaligen Bewohner einnehmen. Er blickt von einem verlassenen Balkon, aus einem zerborstenen Fenster auf Türme zerstörter Industrieanlagen und immer wieder auf den unheilvoll nahen Reaktor. "Strahlende Orte" – ein Requiem der besonderen Art. Eine atemberaubende Sichtbarmachung des feinen Risses, der zwischen bloßem Anblick und Erkenntnis verläuft. Eine Warnung an die Analphabeten des kollektiven Gewissens. "Eine Rückkehr gibt es nicht. Lebt wohl! Pripjat, 28. April, 1986", hat jemand auf die rot verfärbte Tafel eines verlassenen Klassenraums geschrieben. Mehr Fotos und Informationen zu dem Projekt "Strahlende Orte" gibt es auf der Homepage. In der VIEW Fotocommunity ist das Projekt unter dem Usernamen kdb-records zu finden.