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VIEWspotlight Oktober 2009

Interview

pery1

Inwieweit hat sich für Dich die Fotografie im Zeitalter von Digitalkameras und Internet verändert?
Die digitale Fotografie ist einfacher, unkomplizierter und erleichtert die Arbeit ungemein. Früher ist man mit 60 oder 100 Filmen los und hatte drei Kameras mit den entsprechenden Objektiven dabei.
Ich bin für das Internet, es ist modern und für die jüngere Generation wohl unverzichtbar. Aber wenn es nicht gerade etwas Aktuelles gibt, über das ich mich informieren möchte, lese ich lieber die Zeitung. Denkst Du, dass es heutzutage schwieriger geworden ist, als Fotografjournalist zu arbeiten?
Es ist schwieriger, ein Fotojournalist zu werden als früher. Keiner möchte neue Leute einstellen, im Gegenteil. Es ist einfach günstiger, Aufträge an die vielen freien Mitarbeiter zu vergeben, die über den gesamten Globus verstreut leben. Die meisten "Freien" haben keine Verantwortung. Sie machen ihre Geschichten und ihre Fotos - Hauptsache es passiert etwas und es wird gedruckt. Dass die "Freien" so geworden sind, kann man ihnen nicht verübeln, daran hat natürlich der gestiegene Konkurrenzdruck einen entscheidenden Anteil. Es sind auch sehr viele gute Leute dabei. Gibt es etwas, was Du jungen Fotografen mit auf den Weg geben könntest?
Es ist wichtig, seine Kontakte zu pflegen. Wichtig ist bei jeder Geschichte, dass man sich nach ihrem Abschluss nicht selber die Tür zuschlägt. Das soll nicht heißen, dass du nicht negativ berichten darfst. Wenn man dann aber sagt, jetzt habe ich meine Story und nach zwei Jahren denkt, Mensch, den könnte ich nochmal gebrauchen, "funktioniert" das nicht. Man muss sich bei den Menschen melden, sie ab und zu anrufen. Gibt es etwas, das Du bereust oder das Du vermisst hast?
Als Kriegsreporter werden Dir die Grausamkeit des Menschen und die Endlichkeit des Lebens ständig vor Augen geführt. Das färbt natürlich auf die Persönlichkeit ab. Man wird härter, abgebrühter. Und sicher verliert sich auch die Herzlichkeit. Das ist gerade für die Familie nicht immer leicht.

Wie kam Deine Familie mit Deinem Beruf zurecht?
Am Anfang nicht so gut. Aber da sie meinen Background kannte - ich war ja anders geschult als die meisten Journalisten - hielten sich die Sorgen letztlich in Grenzen. Mein beruflicher Werdegang war auch der Grund dafür, dass der stern mich überhaupt in Kriegsgebiete geschickt hat. Ich hatte ja nicht nur in der amerikanischen Armee gedient, sondern auch eine Zeit lang als Polizeireporter gearbeitet. Die Chance, dass sie ihre Geschichte bekamen, war einfach größer. als wenn sie einen unerfahrenen Kollegen genommen hätten. War es Dir möglich, in all diesen Konflikten neutral zu bleiben?
Für die Berichterstattung muss ich mir im Normalfall eine Seite aussuchen. Trotzdem gilt es, so objektiv wie möglich zu bleiben. In Nicaragua habe ich einmal beide Konfliktparteien kennen gelernt. Die Sandinisten und Präsident Somoza. Ich ging in beiden Lagern ein und aus und habe trotzdem versucht, fair zu bleiben. Man darf der einen Seite zum Beispiel keine militärischen Geheimnisse der anderen verraten, auch nicht, wenn dafür ein Interview herausspringen würde. Vermisst Du Deinen Beruf, oder bist Du letztlich froh, Deine Ruhe zu haben?
Ich würde sagen, nach 35 Jahren ist man schon ein bisschen ruhiger geworden. Zumal man als Kriegsreporter deutlich mehr gefordert ist als viele andere, die irgendwo anklopfen und ihre Geschichte machen. Wenn man über einen so langen Zeitraum nahezu jeden Krieg miterlebt hat, ist einfach der Punkt erreicht, an dem du aufhören solltest. Oder wie meine Freunde sagen: "Perry, don´t push your luck!"





Weitere interessante Geschichten und Fotos von Perry Kretz gibt es in seinem neuem Buch "Augen auf und durch!". Der Viewer der ersten Stunde zeigt auch in seinem Portfolio in der VIEW Fotocommunity einige Bilder.