Text: Jochen Siemens
Die Frage des Glaubens ist schnell erledigt, wenn man mit Paolo Pellegrin durch seine Fotos blättert. Ein Mann schreit um Hilfe, weil sein Kind nach einem Raketeneinschlag verschüttet ist. Neunjährige Kindersoldaten, einige vermummt, starren einen mit Pistolen in der Hand düster an. Da ist ein riesiger Blutfleck auf der Straße, die Leiche wurde schon weggetragen. Paolo Pellegrin legt wortlos die Bilder zur Seite. Fragt man ihn dann, ob er eigentlich noch an das Gute im Menschen glaube, wiederholt er die Frage. „An das Gute im Menschen? Na ja, irgendwie schon, ich habe die gesehen, die sowas hier anrichten, aber ich habe auch die gesehen, die den Opfern helfen. Das gleicht sich irgendwie aus.“
Paolo Pellegrin, 43, ist gebürtiger Römer; er wohnt abwechselnd in seiner Heimatstadt und in New York. Aber was heißt das schon: Wohnen? Pellegrin lebt auf der Weltachse, die Katastrophen, Kriege, Flüchtlingscamps, Hungersnöte, aber auch Hollywood, Modenschauen und den Petersdom miteinander verbindet. Das klingt erstmal absurd – Furcht und Fashion, Hisbollah und Penelope Cruz kann einer doch nicht mit denselben Augen fotografieren, oder? Hier das Sein, da der Schein – einer der Blicke muss doch lügen. Nein, ein Blick kann nicht lügen, sagt der Fotograf.
Pellegrin ist kein fotografischer Sprinter, sondern ein Bleiber. Er bleibt, wenn CNN und andere ihre Antennen wieder einfahren und weitereilen. Er bleibt, um sich bewegen zu lernen; er bleibt, auf dass sich andere an ihn gewöhnen. Das dauert Tage, oft Wochen. Die Kamera, das weiß er, ist ein Zeuge. Und so muss er bei Söldnern, Flüchtlingen, Scharfschützen, aber eben auch bei Hollywood-Stars seine Anwesenheit so zu einer Selbstverständlichkeit machen, dass sie den Zeugen in ihm vergessen.
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