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VIEWspotlight Juli 2009

Stern FOTOGRAFIE

Nobuyoshi Araki

Text: Jochen Siemens

Geboren 1940 als Sohn eines Holzschuhmachers im Tokioer Stadtteil Minowa, wuchs Nobuyoshi Araki in einem dieser typischen kleinen Stadthäuser Tokios auf, eine heilen Nachbarschaft, wie er heute sagt. Minowa grenzt an den Stadtteil Yoshiwara, Rotlicht-Szene der Stadt voller Bars, Strip-Clubs und versteckter Bordelle. Es gehört zu seinem eigenen Mythos, wenn Araki erzählt, wie er mit seiner ersten Kamera, einer Baby Pearl Halbformat Klappkamera, dort herumspazierte und anfing, alles und jeden zu fotografieren. Seine frühen Werke zeigen eine fast verschwundene Welt in der bei ihm schon damals typischen Nähe: spielende Jungs auf den Straßen, Menschen, wie sie Tür an Tür leben; Arakis alte Fotos erinnern an Bilder des italienischen Neo-Realismus in Filmen wie Pasolinis römischem Vorstadt-Drama „Accatone“. Die Botschaft seiner Bilder? „Die kommt von denen, die ich fotografiere, Männer und Frauen“, sagt Araki. „Sie drücken aus, was sie sagen wollen. Nicht ich.“ Und so entsteht, wenn man sich durch seine Bücher blättert, so etwas wie eine melancholische Sozio-Fotografie eines Landes und seiner Menschen. Man muss sich diese vielen Gesichter, die Araki fotografiert, lange anschauen, um in ihren Blicken und ihrem Schweigen Stimmungen zu spüren. Es sind in all ihrer Unverstelltheit Bilder, die einem die japanische Seele näherbringen. Araki selbst sieht diese Technik durch die moderne Fotografie gefährdet, „wenn es irgendwann mal keine Schwarzweiß-Filme mehr gibt und alles nur noch digital ist, denn werden die Menschen begreifen, was ihnen entgangen ist. Dann sind in der Fotografie Seelendunkel und Melancholie nicht mehr zu sehen“, sagt er mit dem Zorn des Bildarbeiters alter Schule.

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Nobuyoshi Araki

„Ich wurde geboren und drehte mich sofort, um zu sehen, wo ich herkam. Seitdem faszinert mich die Vagina, sie ist die Höhle, aus der wir alle gekommen sind.“
Foto: Roland Hagenberg

Nobuyoshi Araki