Text: Jochen Siemens
Geboren 1968 in München und aufgewachsen in Frankfurt, kann Martin Schoeller von einer Kulturkindheit berichten. Sein Vater Wilfried Schoeller moderierte beim Hessischen Rundfunk die Sendung „Bücher, Bücher“, seine Mutter arbeitete als Bibliothekarin. Nach der Lette-Ausbildung ging Schoeller erstmal den Weg aller, die fotografieren wollen, aber noch nicht können – er wurde Assistent. Zunächst in Frankfurt, dann in Hamburg bei einem Studio-Fotografen, der den ganzen Tag Mode und Werbung „schoss“. 16-Stunden-Tage waren das, sagt Schoeller, er war Mädchen für alles, ein lernender Sklave. Auf der Lette-Schule und in den Studios hatte er Technik gelernt, Technik und nochmal Technik. Aber zu wenig fotografisches Leben, zu wenig Stimmung und Atmosphäre, sagt er. 1992 ging Schoeller nach New York – und scheiterte. „Ich hab das Telefon genommen und im Studio von Irving Penn angerufen, der war auch noch selbst am Apparat. Nein, er brauche keinen Assistenten.“ Das war´s dann erstmal, Schoeller, mittellos, ging zurück nach Frankfurt, kellnerte, fotografierte und sparte. Der zweite Anlauf gelang dann, Schoeller wurde „dritter Assistent“ bei Annie Leibovitz, der Chef-Fotografin von „Vanity Fair“, schon damals stilprägende Großmeisterin der amerikanischen Glamourfotografie. Aber es nicht die Prominenz, die Schoeller an Gesichtern interessiert. Fündig wird Schoeller überall. Als er einmal einem Obdachlosen auf der Straße zehn Dollar gab, um ihn fotografieren zu dürfen, fragte ein begleitender Reporter aufgeregt, was denn genau in dem Gesicht so sensationell sei. „Keine Ahnung“, sagte Schoeller. „Er sieht nur so aus, als ob er zehn Dollar gut gebrauchen könnte.“
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